Start Leser-Report Maikäfer

Maikäfer

Maikäfer - Bild: Klara Wahl
Maikäfer - Bild: Klara Wahl

Der Mai ist gekommen – und mit ihm sind ehemals auch die Maikäfer in Massen gekommen.
Zu Beginn ein kleiner Rückblick in die Zeit vor weit über 100 Jahren

Dass die Maikäfer in Massen schon unsere Vorfahren geplagt haben, geht aus einem Gemeinde­rats­proto­koll von 1882 hervor. Damals beschlossen die Ge­mein­deväter folgendes: „In heutiger Verwaltungssit­zung wurde folgende orts­polizeiliche Vorschrift bera­ten und be­schlossen: Die Gemeindeverwaltung Haun­stetten erläßt … usw. usw. folgende ortspolizeiliche Vorschrift:

1. Jeder Grundbesitzer hat jedes Jahr, sobald die Mai­­­­käfer erscheinen, nach erfolgter Bekanntmachung dieselben einzusammeln und selbe bei dem jewei­li­gen Bürgermeister abzuliefern, wogegen dieselben [gemeint sind hier die Grundbesitzer] – einen Ablie­fe­rungsschein erhal­ten.

2. Bei säumigen Grundbesitzern wird das Einsam­meln der Maikäfer von Seiten der Ortspolizeibehörde auf deren Kosten veranlaßt [gemeint sind wieder die Grundbesitzer] und gegen selbe auch mit Strafanzei­ge vorgegangen.

3. Die Einsammlung hat am zweckmäßigsten mor­gens zu erfolgen und zwar in Säcken oder Krügen mit weitem Bauche.

4. Der Schweine-Austrieb, welcher besonders zur Ver­­­til­gung des Maikäfers empfehlenswert ist, wird eigens angeordnet.“

Soweit die damalige Vorschrift. Bei den „Krügen mit weitem Bauche“ waren selbst­ver­ständ­lich keine Hal­be- oder Maßkrüge gemeint, son­dern große Tonkrü­ge, damals mei­stens mit Salzgla­sur, also mit so blau­en Verzierungen. Solche Krüge hat man bei­spiels­weise als Schmalz­­hafen oder zum Einlegen von Surfleisch oder die richtig großen als Be­hälter für den Apfelmost benutzt. Das war also vor genau 135 Jah­­ren.

Jetzt aber ins vergangene Jahrhundert – und da rund 70 Jah­­re zurück. Nach dem zweiten Weltkrieg fielen die Maikäferjahre in Haunstetten und in den Nachbardörfern zufällig auf die Schaltjahre. Ein Schaltjahr war also gleichzeitig ein Maikäferjahr. Das konnte man sich gut mer­ken. Die kleinen Tierchen traten dabei in solchen Massen auf, dass einem vor den eigent­lich niedlichen kleinen Käfern richtig grauste. Mein drittes Schuljahr – 1948 – war wieder eines der gro­ßen Maikäferjahre. Wir Schulkinder mussten des­halb in den Haun­stetter Wald zum Sammeln gehen. Alle sollten irgendwelche Schachteln oder sonstige Behältnisse mit­brin­gen und dann ging es vom Schul­haus am Georg-Käß-Platz die Krankenhausstraße hi­naus in den Wald. Alles, was wir zum Einsammeln mitgebracht hatten, war in kurzer Zeit voller Maikäfer. Einer meiner Schulkameraden hatte einen Kanister aus den Armee­be­stän­den der Ami’s mitgebracht. Der hatte ungefähr 25 Liter Fassungsvermögen. Nach­dem die normalen Schachteln bald voll waren, füllten wir alle zusammen den großen Kanister. So lieb wir die Käfer nomalerweise hatten und so gern wir mit ihnen spielten: in den un­ge­heueren Mengen wurde sie zu einer stinkenden, ekligen und wutzligen Masse. Keiner von uns wusste übrigens mit den eingesam­mel­ten Käfern etwas anzufangen. Keiner hatte uns oder dem Lehrer gesagt, was wir damit tun sollten oder wo wir sie abgeben hätten kön­nen. So warfen wir die vie­len tausend Maikäfer an der ehemaligen „Pfer­de­schwemm“ – sie war dort, wo die Krankenhaus­stra­ße über den Lochbach führt – einfach in den Loch­bach. Vermutlich konnten sich X-tausende aus der “Schwemm“ und aus dem Lochbach wieder heraus­retten.

Den älteren Mitbürgern mag vielleicht schon aufgefallen sein, dass heutzutage viel mehr Löwenzahn wächst als früher. Zu der Zeit der Maikäferjahre war eine Löwenzahnblüte fast eine Seltenheit. Als Schulkinder standen wir um eine der „Soichbluama“ und schauten sie uns genau an. (Im ordinären Dialekt „Soichbluama“ wegen der uringelben Farbe).

Warum ehemals so wenig Löwenzahn wuchs, kam daher, weil die Engerlinge (Larven der Maikäfer) besonders gern Löwenzahnwurzeln fressen.

In einem normalen Jahr war es selbstverständlich Eh­rensache eines Buben, immer und überall eine hand­voll Maikäfer in einer kleinen Schachtel im Schulran­zen zu haben oder sonst mit sich herumzutra­gen. Sie wurden eifrig verglichen und getauscht, denn da gab es außer den normalen mit braunen Fühler­lamellen welche mit hellen „Füh­lern“, das wa­ren die Bäcker oder Müller und die mit den „dunklen“ wa­ren die Ka­min­kehrer oder Mohrla oder Neger. Die Weibchen haben sechs und die Männchen sieben Fühler­blät­ter. Außerdem sind die Fühler beim Männ­chen etwas größer, breiter und länger.

Dann gibt es die roten Maikäfer, bei denen die Beine und der Halsschild kupferrot sind, im Gegensatz zum rotfüßigen Maikäfer, dessen Halsschild schwarz, aber seine Füße fuchs­rot sind. Weiterhin den schwarzfüßi­gen Maikäfer mit schwar­zen Beinen und schwarzem Halsschild und noch die wolligen Maikäfer, die stark mit fil­zi­ger Wolle bedeckt sind. Das alles war genug Anlaß zum Begutachten und zum Tauschen. Ein paar besonders kernige Schulkameraden, denen es „vor gar nix graust hot“, bissen für ein Zehnerle einem Mai­kä­fer sogar den Kopf herunter und behaupteten, das schmecke so ähnlich wie Nuss. Mein Vater fuhr immer in der Frühe – kurz nach sechs Uhr – mit dem Fahrrad zur Arbeit. Im Mai stand er noch ein paar Minuten früher auf. Bevor er dann weg­fuhr, öffnete er den Hen­nen­schlupf und schüttelte an­schließend reihum im Hausgarten die noch von der nächtlichen Kühle steifen Maikäfer von den Bäumen und Sträuchern. Die Hennen fraßen mit Begei­sterung alle auf und wenn wir Schulkinder auch aufstanden, waren im Garten keine mehr da. Aber schon an der Wirtschaft „Alpenrose“ gab es wieder welche, denn dort stehen heu­te noch Ka­sta­nienbäume und die mö­gen die Maikäfer besonders gerne. 1952 war das nächste Jahr mit einer großen Maikä­fer­schwemme. Damals hielt sich noch jede Familie, die ein kleines Gärtchen hatte, Hühner und Hasen. Alle Hühnerhalter hatten inzwischen die Er­fah­rung ge­macht, dass die Eier ungenießbar wer­den, wenn die Hennen zu viele Mai­käfer zu fressen be­kom­­men. Man musste sie also einteilen. Wir füllten die Käfer zuerst in große Schachteln und nach und nach in einen Schuhkarton um, in den oben ein Loch ge­schnitten war, das gerade so groß war, dass ein Maikäfer herauskrabbeln konnte. Bei der Fütterung standen die Hennen rings um die Schachtel herum und pack­ten jeden Käfer, der heraus­kroch. Falls es doch ein­mal einer schaffte, ein kurzes Stück davonzu­flie­gen, dann rannte ihm eine Henne mit hochgerecktem Kragen, offenem Schnabel und flügel­schla­gend hinterher, was immer eine Mordsgaudi war. Nach meiner Erinnerung war das letzte große Mai­kä­ferjahr bei uns 1956. Die Invasion war noch schlim­mer als je zuvor. In den Wertach-Auen zwischen In­nin­gen und Bergheim sah man überhaupt nichts mehr Grü­nes an den Baumen und Sträuchern, nur Maikäfer über Maikäfer. Ich hörte davon und woll­te das auch sehen. Auf dem Fahrrad hatte ich gleich ein paar Schach­teln dabei, um die Käfer als Hühnerfutter ein­zu­sammeln. Aber ich brauchte gar nicht zu sammeln: Ich brauchte nur die Schachteln unter die Stauden zu stellen und zwei Mal mit einem Fuß in die Zweige zu treten, dann waren die Schachteln voll. Bald darauf wurden die Maikäfer mit allen chemischen Mitteln bekämpft und fast gänzlich ausgerottet. Bei uns zählt heute deswegen ein Maikäfer fast zu einer Seltenheit.

Damals wussten einige besonders gescheite Haunstetter, dass „d’Ami“ (die US-Army) die MaiKäfer bei den Bombenangriffen mit abgeworfen hätten, um uns zu Schaden.

Bei den kleinen, noch nicht schulpflichtigen Mädchen, war folgendes Wissen allgemein verbreitet: Mit der „Milch“ aus den Stengeln der Löwenzahnblüten könne man Dauerwellen der Kopfhaare machen.

(Text & Bild(er): Karl Wahl / Archiv Karl Wahl)

Teilen
Vorheriger ArtikelSt. Pius News Mai 2017
Nächster ArtikelHilft ja nix
haunstetten.info ist ein Projekt der AGENTUR.MASTNAK. Die Urheber-/ und Nutzungsrechte liegen, sofern nicht anders angegeben, beim jeweiligen Autor oder bei haunstetten.info.