Start Leser-Report 1947: Kartoffelkäferplage in Haunstetten

1947: Kartoffelkäferplage in Haunstetten

Einen Kartoffelkäfer bekommt man heutzutage so gut wie nie zu Gesicht. Bild: Klara Wahl

Der Kartoffelkäfer ist ein noch junges Mitglied der euro­päischen Tierwelt. Er wurde 1877 aus Nordamerika über Frankreich nach Mitteleuropa eingeschleppt. Der Käfer trat zum erstenmal stark und als Plage in den Jahren 1938 und 1939 am Rhein auf und verbreitete sich dann sehr rasch in Deutsch­land.

Eine amtliche Veröffentlichung vom 30.August 1940 berichtete dazu: „In Mittelschwabern wird der Suchdienst nach dem Kartoffelkäfer sehr eingehend durchgeführt. In jeder Woche ziehen Scharen von Jungen unter Führung von Erwachsenen auf die Kartoffelfelder, um nach dem Schädling zu suchen. Bisher ist glücklicherweise noch keiner gefunden worden.“

Weil der Schädling sich zur Zeit des zweiten Weltkrieges hier stark verbreitete, entstand die fast un­ausrottbare Meinung und einige besonders gescheite Haunstetter wussten es sogar ganz sicher, dass die „Ami’“ die Käfer und Käferlarven bei den Bombenangriffen von Flugzeugen aus mit abge­wor­fen hätten, um uns Schaden zuzufügen..

Der Kartoffelkäfer und seine Larven sind ein gefährlicher Kartoffelschädling. Sie fres­sen die Pflanzen völlig kahl, so dass keine neuen Kartoffeln wachsen können. Die Larven sind je nach Entwicklungsstadium „knallrot“ oder orangenrot und haben seitlich zwei Reihen schwarze Punkte. Ein Käfer ist ungefähr so groß wie ein Marienkäfer und seine Flügel sind schwarz-gelb gestreift.

Im Juli 1947, als wir Schulkinder schon von den großen Ferien geträumt hatten, da hatte die Kartoffelkäferplage hier in Haunstetten fast katastrophale Ausmaße angenommen. Der Gemeinderat hatte deshalb beschlossen, dass die gesamte Schule (damals gab es nur eine Schule), außer den Erstklässlern zum Sammeln gehen muss. Irgendwelche Behältnisse mussten wir selbst mitbringen. Das waren z.B. Blechbüchsen oder angeschlagene Weckgläser, die beim Einwecken nicht mehr dicht wurden. Ein „gutes“, einwandfreies Glas hat man selbstverständlich von zu Hause nicht mitbekommen. Damals hatte man  noch nicht für Alles und Jedes Gläser, so wie heutzutage.

Die Haunstetter Bauern sind dann mit ihrem „Bulldog“ (Tracktor) und mit einem  oder zwei Anhängern vor die Schule gefahren und haben die Schulkinder aufgeladen. Die Schulklasse des Autors bestand aus 48 Buben. Dafür brauchte der Bauer schon zwei Anhänger.

Dann fuhr der Bauer mit der Klasse des Autors auf die Felder zwischen Haunstetten und Inningen. Das war in der Gegend, wo sich jetzt die Endstation der Straßenbahnlinie 3 befindet. Anfangs hatte die Klasse ja ihre Gaudi mit der Fahrt und mit der Aussicht, ein paar Stunden lang keinen Schulunterricht zu haben.

Bald hat sich jedoch die Klasse nicht mehr gefreut. Die Kartoffelstauden waren wie übersät mit Kartoffelkäfern und mit Larven und schon halb kahl. Manche Pflanzen waren schon „ratzebutz“ zusammengefressen. Da waren keine Blätter mehr zu sehen, nur noch die nackten Stengel standen in die Luft.

Das Einsammeln war richtig „greisslich“, weil die meisten Larven in den Fingern aufplatzten, was dann einen ekelhaften und stinkenden „Baatz“ ergeben hat.

Um der Plage Herr zu werden, muss jede Kar­toffelstau­de mehrmals abgesucht werden, weil noch enorm viele Eier an den Blättern hängen, die gar nicht so leicht zu finden sind.

Wenn man anfängt, so eine Staude abzusuchen, lassen sich die Käfer und die Larven sofort fallen. Wenn es dann wieder ruhig ist, dann krabbeln die Viecher an den Stauden wieder hoch und fressen weiter.

Den Buben der Klasse hat es vor dem nächsten Mal und vor weiteren Sammlungen richtig „gegraust“.

Einer der Haunstetter Bauern, Otto Müller, wollte jedem Kind, das bei ihm gesammelt hatte, ein paar Kartoffeln schenken (es war ja noch die „schlechte Zeit“ nach dem Krieg und das einfache Volk war verarmt). Die meisten anderen Bauern haben ihm – und zwar ernsthaft –  gedroht, weil er damit die Preis verderben würde. Es hat aber gar keine Preise zum Verderben gegeben, weil wir sowieso für Gotteslohn gesammelt hatten und mit ein paar Kartoffeln, konnte man auch damals wirklich keinen negativen Einfluss auf den Kartoffelverkauf nehmen.

Als dann das Deutsche Wirtschaftswunder eingesetzt hatte, konnten sich die Bauern die sogenannte „chemische Keule“ massenhaft kaufen und damit die Kartoffelkäfer fast ausrotten.

(Text & Bild(er): Karl Wahl / Archiv Karl Wahl)